Zinsen und Wachstum

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Zinsen und Wachstum

Postby Good Habit » Sat Jan 08, 2011 7:35 pm

In der Normalverteilung sollte zwischen Zinsen, Investitionen und Konsum ein Gleichgewicht herrschen.

Sehr tiefe Zinsen wären ein Anzeichen von zu geringen Investitionen. In einem insularen Markt würde das billige Geld daher in der Regel zu einem Anstieg des Konsums - und via die höhere Konsumgüternachfrage - zu einem erhöhten Investitionsbedarf führen, was die Zinsen wieder steigen lassen sollte.

Sonderfälle könnten allenfalls auftreten, wenn z.B. der Konsum trotz tiefer Zinsen nicht steigt. Dies kann u.a. dann eintreten, wenn kein genügender Transfer der Einkommen stattfindet, d.h. wenn die Rentner und Arbeitslosen einen Kaufkraftrückgang erleiden, da die Umverteilung nicht funktioniert. Dies ist das wahrscheinliche Ergebnis von exzessiven Steuersenkungen. Das überschüssige Kapital hat dann keine Möglichkeit für Investitionen genutzt zu werden, und wird daher wahrscheinlich in spekulative Anlagen fliessen.




In der Praxis ist jedoch kein Land völlig von der Aussenwelt abgeschottet.

Nehmen wir an, dass zwei etwa gleich grosse Länder existieren, von denen das eine (A) hochentwickelt und reich, das andere (B) rückständig und arm ist. Zwischen diesen Ländern können verschiedene Formen der Interaktion existieren.

1. Koloniale Abhängigkeit
Wenn B eine Kolonie von A ist, wird die Politik in A darauf tendieren, in B nur Investitionen zuzulassen, die dem Abbau von Ressourcen - der Herstellung lokaler Produkte, die nicht auch in A produziert werden könnten, dienen. B darf A nicht konkurrenzieren, soll aber möglichst Produkte von [A] kaufen. Es wird sich kaum entwickeln.

2. Weitgehende Ignoranz
B offeriert kaum Produkte, die in A begehrt sind, und seine Infrastruktur ist schlecht - da es arm ist, kauft es auch kaum von A.] Das Handelsvolumen ist marginal, es fliessen keine Investitionen von A nach B.


3. Offener Markt - aber nicht für Arbeitskräfte
.
In (B) ist eine minimale Infrastruktur vorhanden, da dort gewisse Investitionen getätigt wurden (z.B. durch internationale Entwicklungsorganisation, oder in einer frühere Phase der Autarkie mit hohem Staatsanteil).
Es besteht ein grosses Lohn und Preisgefälle zwischen A + B - aber sonst kaum Handelshemmnisse.
Daher ist es für Investoren aus A sehr vorteilhaft, die Produktion nach B zu verlagern.

Auswirkungen auf beide Länder:
In A: Wenig Investitionen, steigende Arbeitslosigkeit oder mehr billig Jobs im Dienstleistungsgewerbe, tiefe Zinsen (da wenig Investitionen), tiefe Inflation, da einheimische Produkte mehr und mehr durch billig Importe aus B: ersetzt werden. Überschüssiges Kapital fliesst entweder nach B: (Kapitalexport) oder in Spekulationsblasen…
In B: Hohe Investitionen, erhöhtes Steueraufkommen und daher vermehrte Investitionen in Infrastruktur und Bildung, allmählicher Anstieg des Binnenkonsums und der Löhne. Höhere Zinsen - gemildert durch Kapitalimport.
Währung: Die Währung von B dürfte relativ aufwerten - bei Währungsunion via höhere Inflation. Dies mildert den Trend etwas - dennoch besteht auf die Dauer die Gefahr, dass sich das Verhältnis der beiden Länder umkehrt.
[Land B: hat nun die modernere Infrastruktur, die neueren Produktionsanlagen, die dynamischere Wirtschaft, während A: weitgehend stagniert]

Auswirkungen der Politik im Land A:
Eine Forderung in A: ist oft: Steuersenkungen + Deregulierungen sollen Investitionen erleichtern.
Folgen: Steuersenkungen führen zu weniger Investitionen in Infrastruktur und Bildung (natürliche Monopole des Staates) und zu geringeren Transferleistungen an finanzschwächere Konsumenten. Sie führen jedoch nicht zu mehr Privatinvestitionen, denn die Zinsen waren bisher schon tief. Also sinken die Konsumausgaben und die Staatsinvestitionen, und die Privatinvestitionen stagnieren (weiterhin geringe Nachfrage). Die Wirtschaft stagniert oder schrumpft, es gibt eher Deflation statt Inflation, die Tendenz zu Kapitalabfluss oder Spekulationsblasen nimmt zu.

Alternativen:
Höhere Steuern, höhere staatliche Investitionen, mehr Transfer

Kurbelt den einheimischen Konsum an, oft werden inländische Produkte bevorzugt - es bleibt weniger Kapital übrig um abzufliessen oder für die Spekulation. Zinsen steigen an. Die Verlagerung des Wohlstandes nach B: wird gebremst.

Hohes Staatsdefizit, finanziert durch die Notenpresse.
Ähnliche Auswirkungen wie oben, tendenziell besteht die Möglichkeit der Inflation. Entsteht eine (moderate) Inflationsmentalität, begünstigt dies Investitionen, da die Rückzahlung der Kredite durch die Geldentwertung leichter wird.

Offener Markt mit freier Migration - ohne grosse Hürden.
Investitionen fliessen nach B - da dort Kosten tiefer. Allerdings wandern viele Arbeitskräfte von B: nach A: - dies führt zwar zu Lohndruck, aber auch zu erhöhter Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen. Daher höhere Investitionen auch in A: Zinsniveau bleibt höher. Der Gesamte Raum bleibt im Gleichgewicht - die Metropolen bleiben jedoch die Metropolen, die Peripherie bleibt die Peripherie.

Gemeinsamer Markt mit hohem Staatsdefizit / ohne starke Migration - aber mit Mitteltransfer.

Hohe Transferleistungen von A: nach B: - extremer Anstieg des Konsums in B: zieht Investitionen zur Befriedung der Nachfrage nach sich, die teilweise durch Produkte aus A: gedeckt wird. Hohe Inflation in B: - mässige Inflation in A: Starke Investition in beiden Gebieten. Realzinsen bleiben in Anbetracht der substantiellen Inflation mässig
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